Stimme der Mehrheit

Hans-Jürgen Mahlitz:

Krisenbewältigung –

was wir von Preußen lernen können

Rede auf der Frühjahrstagung der !Stimme der Mehrheit am 4. April 2009 in Fulda
 
Als ich Anfang des Jahres das Thema für diesen Vortrag formulierte, ahnte ich noch nicht, was ich mir und Ihnen damit antat. Das Thema war ja in guten Händen. Da blieb es auch – bis vor ein paar Tagen, als mich die späte Absage des Referenten erreichte. Es war zu knapp, noch einen Ersatzred-ner zu finden, zumal ja die Rolle des Lückenfül-lers nicht jedermanns Geschmack ist. Was blieb mir also übrig, als in die Bresche zu springen, mich selber in die Pflicht zu nehmen und auf die Schnelle noch ein Stückchen Preußentum in unse-re krisengeschüttelte Gegenwart herüberzuholen.
So müssen Sie nun statt des im Programm ange-kündigten Redners mich ertragen – nehmen Sie es als gelebtes Beispiel preußischer Pflichterfüllung.

„Krisenmanagement – was wir von Preußen lernen können“ – so lautet unser Thema. Da fällt mir als erstes das politische Vermächtnis des Preußenkö-nigs Friedrich Wilhelm I. ein, der von 1713 bis 1740 regierte: „Macht keine Schulden und gebt nicht mehr aus, als ihr einnehmt!“ Der sogenannte Soldatenkönig, dessen wahre Verdienste gar nicht im militärischen Bereich lagen, hatte sich zeitle-bens strikt an diese Devise gehalten. Er hat nicht nur den 20-Millionen-Taler-Schuldenberg seines ausgabenfreudigen Vorgängers abgebaut, sondern seinem Nachfolger sogar noch einen Staatsschatz von acht Millionen Talern hinterlassen. Seit wir nicht mehr von Königen, sondern von Bundes-kanzlern regiert werden, erleben wir das exakte Gegenteil, mit dem Unterschied dass die Taler zu D-Mark und Euro und die Millionen zu Milliarden wurden.

Keine Schulden machen, nicht mehr ausgeben, als man einnimmt – hätten Millionen amerikanischer Häuslebauer sich daran gehalten, statt mit viel zu wenig Eigenkapital, zu große und teure Häuser mit zu hohen Zins- und Tilgungsraten zu finanzieren und den Rest des Lebens mit Plastikgeld zu be-streiten, dann hätte es keine US-Immobilienkrise gegeben, folglich auch kein Herüberschwappen nach Europa und Deutschland. Und hätten unsere öffentlichen Hände nicht über die Jahre einen gi-gantischen Schuldenberg von über 1,5 Billionen Euro aufgetürmt, hätten sie einen viel größeren Spielraum, um auf Konjunkturkrisen zu reagieren; immerhin müssen Bund, Länder und Gemeinden in Deutschland über 15 Prozent ihrer gesamten Haushalte allein für Zinszahlungen aufwenden, über Tilgung wird da schon gar nicht mehr gere-det, im Gegenteil, Jahr für Jahr legt man noch ein paar Milliarden drauf.

Ist das also der Königsweg zur Krisenbewältigung: keine Schulden, keine Krise, und alles wird gut? Richten wir unseren Blick einmal relativierend gen Süden! Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof – die Prunkschlösser Ludwig II. Alle auf Pump gebaut. Sie hatten den Märchenkönig im wirklichen Leben dem Staatsbankrott gefährlich nahe gebracht. Bis heute hält sich das Gerücht, Majestät seien – auf welche Weise auch immer – in den Tod getrieben worden, weil nur so der Bau weiterer unbezahlbarer Schlösser habe verhindert werden können. Und heute? Der Freistaat Bayern hat einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Wohlstands und seiner vergleichsweise niedrigen Staatsverschul-dung den exorbitanten Einnahmen zu verdanken, die er Touristen aus aller Welt an den Kassenhäu-schen der einst auf Pump gebauten Märchenschlösser abknöpft. Schuldenmachen kann also durchaus auch dem Gemeinwohl förderlich sein.

Die beiden Beispiele – der sparsame Soldatenkönig und der verschwenderische Märchenkönig – zeigen uns, dass es gar nicht so einfach ist, dahinter zu kommen, was wir von Preußen lernen können, um mit der heutigen Krise fertig zu werden. Die auf den ersten Blick einfach anmutenden Rezepte, die man an der Oberfläche zu finden wähnt, erweisen sich bei näherem Hinsehen oft als genauso untauglich wie all die ebenso einfachen Rezepte, die jetzt mal wieder aus der sozialistischen Mottenkiste hervorgezaubert werden, übrigens nicht nur von eingefleischten Sozialisten, sondern auch von sozi-aldemokratisierenden Unionspolitikern.

Um die Kernfrage unseres heutigen Themas zu beantworten, muss man schon etwas tiefer schür-fen. Dabei kam mir in den letzten Tagen die jüngste „Berliner Rede“ unseres Bundespräsidenten gerade recht. Wenn man diesen Text sorgfältig durcharbeitet, fällt auf, dass sich ein Begriffspaar wie ein Leitfaden durch die Rede zieht: Freiheit und Verantwortung. Dabei mutet es schon etwas merkwürdig an, dass unseren tonangebenden Meinungsmachern dies nicht aufgefallen ist – offenbar sagt ihnen „Freiheit in Verantwortung“ nichts.

Lassen Sie mich einige kurze Passagen aus Köh-lers Rede zitieren: „Wir erleben das Ergebnis von Freiheit ohne Verantwortung“, stellt er fest und bekräftigt damit, es gehe „auch um Fragen der Verantwortung und des Anstands. Was vielen abhanden gekommen ist, das ist die Haltung: So etwas tut man nicht. Bis heute warten wir auf eine angemessene Selbstkritik der Verantwortlichen, von einer angemessenen Selbstbeteiligung für den angerichteten Schaden ganz zu schweigen.“
Im weiteren Verlauf beklagt Köhler „Entgrenzung und Bindungslosigkeit. Jetzt erleben wir, dass es der Markt allein nicht richtet. Es braucht einen starken Staat, der dem Markt Regeln setzt und für ihre Durchsetzung sorgt. Denn Marktwirtschaft lebt vom Wettbewerb und von der Begrenzung wirtschaftlicher Macht. Sie lebt von Verantwor-tung und persönlicher Haftung für das eigene Tun; sie braucht Transparenz und Rechtstreue. Auf all das müssen die Menschen vertrauen können. Die-ses Vertrauen ist jetzt erschüttert. Den Finanz-märkten fehlte eine ordnende Kraft. Sie haben sich den Staaten entzogen. Die Krise zeigt uns: Schrankenlose Freiheit birgt Zerstörung. Der Markt braucht Regeln und Moral.“

Die Soziale Marktwirtschaft ist für den Bundes-präsidenten „mehr als eine Wirtschaftsordnung. Sie ist eine Werteordnung. Sie vereinigt Freiheit und Verantwortung zum Nutzen aller“. Punkt für Punkt zählt er auf, welche Werte er dabei vorran-gig im Sinn hat: Disziplin, Glaubwürdigkeit, An-stand, Gemeinsinn, Sparsamkeit, Solidarität im Sinne von Selbsthilfe. Und zum Schluss: „Wir haben die Chance, Freiheit und Verantwortung in unserer Zeit nachhaltig aneinander zu binden. Die Verantwortung ist groß. Das liegt daran, dass un-sere Freiheit so groß ist. Gehen wir sorgsam mit ihr um. Zeigen wir Demut vor der Freiheit. Vor unserer. Und vor der der anderen.“

Das klingt irgendwie bekannt. Richtig, bekannt wie Kant. Es ist das zentrale Denken der deut-schen, genauer: der preußischen Aufklärung, wie sie vor allem der große Königsberger Philosoph so trefflich formuliert hat. Kant geht es nicht um „Freiheit wovon“, sondern um „Freiheit wozu“. Bei ihm ist Freiheit nie zügel- und schrankenlos, sondern unlösbar gebunden an Verantwortung. Die Grenzen der eigenen Freiheit setzen zum ei-nen die Freiheit des anderen, vor allem aber das übergeordnete Gemeinwohl.

Hinzu kommt, dass der Freiheitsbegriff, auf dem das Staatsverständnis Preußens basierte, von An-fang an eng gebunden war an einen klaren Rechts-rahmen. Der bereits zitierte sogenannte Soldaten-könig hatte schon im ersten Drittel des 18. Jahr-hunderts, also deutlich vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der französischen Revolution, das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern auf ein rechtsstaatliches Fundament ge-stellt. Da wurde klar beschrieben, welche Rechte und welche Pflichten der Bürger gegenüber der Obrigkeit hat – und umgekehrt. Nicht nur der Bür-ger hatte dem Staat, auch der Staat hatte dem Bür-ger zu dienen. Sich selber sah Friedrich Wilhelm I. nicht als absolutistischer Herrscher von Gottes Gnaden, sondern als Inhaber eines von Gott gege-benen Amtes, dessen höchste Pflicht es war, seinen Untertanen ein fürsorglicher, wenn auch gelegentlich recht strenger Landesvater zu sein. Sein legendärer Satz „Hohle der Deuffel lieber meine zeitliche Wohlfahrdt, als dass so viel Leute Bettler werden und ich reich“ war keine populistische Floskel, wie man sie heute oft hört von Leuten, denen viel Geld angeblich „gar nichts sagt“ (Hauptsache, sie haben genug davon). Der Preußenkönig meinte das ernst, lebte es selber vor. Unmittelbar nach dem Amtsantritt Ende 1713 strich er die Kosten des königlichen Hofes auf ein Fünftel zusammen und kürzte den Personalbestand von 142 auf 46. Er trennte sich von 18 der 24 Schlösser seines Vaters Friedrich I., bewohnte nur fünf der 700 Räume des Berliner Stadtschlosses und begnügte sich mit zwei persönlichen Pagen. Das war der absolute Gegenentwurf zum absolutistischen Prunk des französischen Sonnenkönigs und seiner Nachahmer auf den meisten europäischen Thronen.

Sich selber verlangte der König Tugenden wie Arbeitseifer, Sparsamkeit, Pflichterfüllung und Fleiß genauso ab wie seinen Untertanen. Auch aus heutiger Sicht ganz modern, praktizierte er „Fordern“ und Fördern“.∗ 1717 führte er die allgemeine Volksschulpflicht ein, offenbar gegen den Widerstand vieler Eltern, wie er selber klagte („Wir vernehmen missfällig, dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen“). Der Monarch, der sehr wohl zwischen Sparsamkeit und Geiz zu unterscheiden wusste, half dem Übel auf seine Weise nach und investierte – fast drei Jahrhunderte vor PISA, massiv in Bildung. Das Ergebnis: Bei Einführung der Schulpflicht gab es in Preußen 320 Volksschulen, 1740 bereits 1480! Zudem gilt Friedrich Wilhelm I. als Begründer der akademi-schen Wirtschaftswissenschaften, mit Lehrstühlen in Halle und Frankfurt/Oder, sowie als Förderer einer fortschrittlichen Medizin mit der Berliner Charité als Forschungszentrum.

Nicht verschwiegen werden soll, dass er den Beinamen Soldatenkönig nicht ohne Grund trug. Er verdoppelte die Stärke des stehenden Heeres von 40.000 auf 80.000 Mann, stellte die unter seiner Regie mustergültig geordneten Staatsfinan-zen vorrangig in den Dienst des Militärs und be-kannte freimütig: „Mein Vater fand Freude an prächtigen Gebäuden, großen Mengen Juwelen, Silber, Gold und äußerlicher Magnifizienz – er-lauben Sie, dass auch ich mein Vergnügen habe, das hauptsächlich in einer Menge guter Truppen besteht.“

Dennoch war er alles andere als ein Militarist. Aus Kriegen hielt er sich wenn möglich heraus, nicht nur, weil er nach dem Zeugnis seiner Zeitgenossen ein eher friedliebender Mensch war, sondern auch, weil er als sparsamer und fürsorglicher Landesva-ter befand, Kriege „kosteten viel Geld und rampo-nierten die zuvor mühsam aufgebaute Armee“.

Schon dieser kleine Exkurs in das 18. frühe Jahr-hundert zeigt: Man findet in der Geschichte Preu-ßens einiges, dessen man sich zur Bewältigung unserer heutigen Krise durchaus erinnern sollte. Natürlich kann das Regierungskonzept des Solda-tenkönigs im Detail kaum konkrete Handlungsan-leitungen geben, wie wir heute verfahren – oder hätten verfahren – sollen. Ob man Opel überhaupt – und wenn ja, mit wie viel Milliarden – retten soll, wie man Sparer und Kleinanleger vor den Folgen hemmungsloser Leerverkäufe an den Bör-sen schützt, wie man den Totalzusammenbruch von Staatsfinanzen und Sozialsystemen verhindert – Fragen über Fragen, die wir Heutigen schon selber beantworten müssen.

Aber worauf stützen wir uns bei der Suche nach den richtigen Antworten? Ich finde, da können wir von Preußen schon einiges lernen. Genauer ge-sagt: von der Idee Preußen. Was es mit dieser Idee Preußen auf sich hat, lässt sich an jenem Zerrbild am besten verdeutlichen, dass uns von interessier-ter Seite bis heute als „typisch preußisch“ vor-gehalten wird. Daher noch ein kleiner historischer Exkurs, diesmal in die zweite Hälfte des 19. Jahr-hunderts. Vor etwas über 62 Jahren haben die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in dem berüchtigten Kontrollratsgesetz Nummer 46 den Staat Preußen für aufgelöst erklärt, um „dem Frieden und der Sicherheit der Völker zu dienen und die Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern“.
Den Vier Mächten kann man mancherlei nachsa-gen, nicht aber, dass sie dumm gewesen seien. Nicht genau gewusst zu haben, dass sie mit ihrem Dekret Nummer 46 etwas auflösten, was ohnehin nicht mehr existierte, so dumm zumindest waren sie nicht. Lediglich das genaue Datum, von dem an es den Staat Preußen nicht mehr gab, war damals und ist bis heute umstritten: War es der 18. Januar 1871, als das souveräne Königreich Preußen sich als – freilich dominierendes und privilegiertes – Land in das neugegründete Deutsche Reich eingliederte? War es der 9. November 1918, als der Deutsche Kaiser, der zugleich Preußens König war, zur Abdankung genötigt wurde? War es der 20. Juli 1932, als ein Reichskommissar die letzten Reste von Staatsgewalt im allenfalls noch teilsouveränen Freistaat Preußen übernahm, der sogenannte Preußenschlag? Oder der 7. April 1933, als der im oberbayerischen Rosenheim gebürtige Hermann Göring sich zum unpreußischsten aller preußischen Ministerpräsidenten küren ließ? Oder gar erst der 8. Mai 1945, als mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht zugleich alle Staatlichkeit in Deutschland de facto endete?
Die Alliierten des Zweiten Weltkriegs kannten alle diese Daten sehr wohl. Und sie wussten auch sehr genau, was sie damals in Wirklichkeit wollten: nicht den Staat Preußen eliminieren, sondern die Idee Preußen. Und ich wage die These: Sie wussten damals auch ganz genau, welche Wirkungen sie damit entfalteten – bis in unsere Tage hinein! So markiert dieses Kontrollratsgesetz Nummer 46 den Start eines gigantischen Gehirnwäscheprojekts, das die Anglo-Amerikaner mit dem Begriff „Reeducation“ verharmlosten. Gestatten Sie mir, an dieser Stelle daran zu erinnern, welch große Bedeutung dieser Begriff im publizistischen Schaffen Caspar von Schrenck-Notzings hat; es lohnt sich, da einmal nachzulesen.
Wie stark diese Gehirnwäsche bis heute wirkt, erkennen Sie daran, dass vor zwei Jahren der 60. Jahrestag dieses Dekrets in Deutschland weitestgehend ignoriert oder im Ungeist der Sieger „gewürdigt“ wurde, mit einer rühmlichen Ausnahme, der Landsmannschaft Ostpreußen, die mit einem würdevollen Festakt in Berlin an dieses Datum erinnert hat und dafür den Dank aller aufrechten Preußen und Deutschen verdient.
An diesem Punkt kann man auch einen bemer-kenswerten Unterschied zwischen Tätern und Op-fern verdeutlichen: Die Täter, also die Initiatoren und Organisatoren dieser Gehirnwäsche und auf deutscher Seite ihre willigen Helfer, wussten von Anfang an, dass ihr Projekt nicht auf Wahrheit, sondern auf einem verlogenen Zerrbild von der Idee Preußen beruhte – viele Opfer dieser Lang-zeitberieselung glauben bis heute, die Idee Preu-ßen lasse sich tatsächlich auf Militarismus im Sin-ne eines stupiden „Dschingderassabum“, auf Pik-kelhaube und auf reaktionären Kadavergehorsam reduzieren.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen relativie-renden Hinweis: Es wäre fatal, diesem Zerrbild ein ebenso unrealistisches Traumbild entgegenzuhal-ten. Preußen war nie (und wollte es auch nie sein) eine Art Wiederkehr des Paradieses auf Erden. In der stolzen Geschichte Preußens hat es auch dunk-le Flecken gegeben, Phasen, in denen sich die Dinge zum Negativen hin entwickelten oder Ein-zelaspekte, etwa die Betonung der militärischen Stärke, allzu dominierend in den Vordergrund traten. Unterm Strich aber war Preußen weder Himmel noch Hölle, sondern ein ganz normaler Staat, mit Stärken und Schwächen. Aber eben auch – und das ist für mich das Besondere an der Idee Preußen, mit einem ganz stark ausgeprägten Willen, das Positive zu stärken und das Negative möglichst gering zu halten. Etwas mehr von dieser Tugend wäre heute durchaus hilfreich.
Nehmen wir als Beispiel den Vorwurf des Milita-rismus, ein der britischen Propaganda des Ersten Weltkriegs entstammendes und erstmals im Zu-sammenhang mit dem Versailler Friedensdiktat öffentlich beurkundetes Vorurteil. Im 18. und 19. Jahrhundert war Preußen neben den damals domi-nierenden Großmächten (also Frankreich, Eng-land, Russland und Österreich) relativ klein und schwach. Um sich behaupten zu können, um nicht zwischen diesen Mächten zerrieben zu werden, aber natürlich auch, um sich von dem zunächst europäischen, später globalen Kuchen ein etwas größeres Stück abschneiden zu können, musste man eben sehen, wie man mächtiger, also militä-risch stärker wurde.
Klugerweise setzten die preußischen Könige – wie auch die legendären preußischen Reformer – dabei auf Qualität statt auf Quantität. Viel anderes blieb ihnen freilich auch nicht übrig. Ob in Angriff oder Verteidigung, Preußens Soldaten standen eigentlich immer mehr oder minder deutlicher zahlenmäßiger Übermacht gegenüber. Kompensieren konnten sie das nur, indem sie besser ausgerüstet und bewaffnet (was wegen leerer Staatskassen jedoch zumeist ausschied) oder eben die besseren und effektiveren Kämpfer waren. „Besser motiviert“, würde man das heute nennen, „tapferer“ nannte man es früher, gemeint ist wohl stets dasselbe.
Übrigens hat das Königreich Preußen, statistisch gesehen, deutlich weniger Kriege geführt als die anderen Großmächte. Wie man daraus den Vorwurf des Militarismus ableiten will, wird wohl auf immer das Geheimnis der alliierten Umerzieher bleiben. So relativiert sich der angebliche Militarismus Preußens zu dem natürlichen Bemühen eines jeden normalen Staates um angemessene militärische Stärke, um den eigenen Bestand und berechtigte eigene Interessen wahren zu können. Wäre diese Haltung dem heutigen Deutschland nicht weitgehend abhanden gekommen, würden wir mit unserer jetzigen Krise vielleicht auch etwas besser zurecht kommen.
Eine besonders infame Frucht der Reeducation-Gehirnwäsche ist der auch heute noch äußerst wirkungsvolle Einsatz der sogenannten Faschismus-Keule im politischen Meinungsstreit. Viele in diesem Kreise haben da ja ihre eigenen bitteren Erfahrungen. Auch hier fing alles mit der diffamierenden Umdeutung der Idee Preußen zum militaristischen und reaktionären Zerrbild, also zum direkten Wegbereiter des Faschismus und National-Sozialismus an. In Wahrheit ist diese simple Gleichung „Nazi gleich Faschist gleich Rechter“ eine bis heute fortwirkende Diffamierung der demokratischen, wert-konservativen, patriotischen Rechten. Ebenso diffamierend übrigens wie die Gleichungen „rechts gleich rechtsradikal gleich rechtsextremistisch“ oder „rechts gleich ausländerfeindlich gleich antisemitisch“.
In diesem Zusammenhang sei auch darauf hinge-wiesen, dass diese merkwürdigen Gleichungen natürlich nichts mit Höherer Mathematik zu tun haben, ja, nicht einmal mit jenen unsinnigen Pro-dukten aller möglichen Schulreformen, die unter Kennzeichnungen wie „Mengenlehre“ deutsche Schulabgänger zu PISA-Problemfällen gemacht haben.
Um den Älteren unter uns, die in ihrer Schulzeit noch richtiges Rechnen lernen durften, zu verdeut-lichen, was mit Mengenlehre gemeint ist, hier eine besonders originelle mathematische Problemlö-sung: „Wenn zwei in einem Zimmer sind und dann drei rausgehen, muss einer wieder reingehen, damit keiner mehr drin ist.“ Das klingt witzig, kann aber an der Supermarktkasse bei der Berech-nung des Wechselgeldes bitterer Ernst werden. An den Schulen Preußens, des ersten Staates mit all-gemeiner Schulpflicht, wäre solcher Blödsinn jedenfalls unvorstellbar gewesen. Die in den Schulalltag umgesetzte Idee Preußen bedeutete nämlich tatsächlich „Bildung für alle“, also “glei-che Bildungschancen für alle“, und nicht, wie an neudeutschen Gesamtschulen, „am Ende sind alle gleich blöd“.
Dass man aus Letzterem auch einen überaus popu-lären Werbeslogan machen kann, besagt alles über den geistigen Zustand der deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Die Visualisierung dieses Zustands insbesondere der nachwachsenden Gene-ration können Sie übrigens erleben, wenn Sie sich einmal an einem x-beliebigen Schultag mittags vor eine dieser Schülerabfüllstationen von MacDonald stellen und schauen, was da so an Typen heraus-kommt: Dick und Doof, das waren früher im Film immer zwei, heute schafft das einer allein – soll das unser so großartiger Fortschritt sein? In Preu-ßen jedenfalls wären solche Erscheinungen un-denkbar gewesen.
Der beklagenswerte Zustand weiter Teile unserer heutigen Gesellschaft, der die Fähigkeit raubt, mit der gegenwärtigen Krise besser umzugehen, hat sich nicht durch Zufall ergeben, ist nicht die Folge einer Verkettung unglücklicher Umstände. Nein, er ist gezielt und vorsätzlich herbeigeführt wor-den, und am Anfang stand dabei die aus den Ta-gen des Ersten Weltkriegs stammende Formel „preußisch gleich reaktionär gleich rechts gleich nationalistisch“, später kam dann auch noch „gleich nationalsozialistisch“ hinzu, und dabei sollte es nach von den Siegern von 1945 verordne-ter Lesart bis heute bleiben.
Dreister kann man die Geschichte nicht auf den Kopf stellen. Es fängt damit an, dass zwölfhundert Jahre großenteils glanzvoller deutscher Geschichte auf jene zwölf dunklen Jahre eingeengt werden. Alles, was vorher war, wird zum Wegbereiter des National-Sozialismus umgebogen oder, wo dies nicht funktioniert, ausgeblendet. Danach kann dann natürlich nur noch eines kommen: ewige Buße, ewige Strafe. Und Preußen, die Idee Preu-ßen, soll der Hauptschuldige sein.
In Wahrheit war es genau umgekehrt. Der National-Sozialismus, wie auch der bis heute als salonfähig verharmloste International-Sozialismus, war das exakte Gegenteil der Idee Preußen. Preußen war nie nationalistisch, konnte es schon deshalb gar nicht sein, weil Preußen nie ein Nationalstaat war. Es gab und gibt sehr wohl eine Deutsche Nation, die aber, anders als andere Nationen, zum Beispiel Frankreich, von der staatlichen Einheit immer nur träumen konnte, dies allerdings umso inbrünstiger tat. Selbst die Reichsgründung von 1871 – unter preußischer Führung und von Bismarck so gewollt – war ja nur eine kleindeutsche Lösung. Was übrigens, wie Namen von Bach bis Beethoven, von Dürer bis Goethe und Schiller eindrucksvoll belegen, Deutschland als Kulturnation nicht schlecht bekommen ist. Weimar, dieses so großartige Mo-nument deutscher – ja europäischer, im wahren Wortsinne also multi-kultureller – Geistesgeschichte, wäre in einem zentralistischen Nationalstaat wie Frankreich nicht vorstellbar. Wie gesagt: eine preußische Nation hat es nie gegeben, demzufolge auch keinen preußischen Nationalismus und erst recht keine nationalistischen Entartungen, wie sie in jenen zwölf Jahren im deutschen (und leider manchmal auch im preußischen) Namen praktiziert wurden. Die Idee Preußen hingegen war zutiefst patriotisch orientiert, patriotisch im Sinne einer tiefen Heimatliebe, die nicht aggressiv gegen andere gerichtet war. Vielmehr galt: Wer die eigene Heimat, das eigene Vaterland aus tiefstem Herzen liebt, nur der kann auch die Vaterländer der Anderen achten. Von solchem Patriotismus würde ich mir gerade heute etwas mehr wünschen.
Weitere Beispiele gefällig? Vor kurzem trieb die anhaltende Kritik der sogenannten Weltöffentlich-keit die Vereinigten Staaten von Amerika dazu, per Dekret in amerikanischen Gefängnissen und Militäreinrichtungen die Folter zu verbieten. Alle Achtung, damit haben sie nach nur zweieinhalb Jahrhunderten mit dem preußischen König Friedrich dem Großen gleichgezogen! Dieser, nach bisheriger angloamerikanischer Lesart ja ein fürchterlicher Militarist und Reaktionär, Wegbereiter des National-Sozialismus und des Holocaust, hatte nämlich in zwei königlichen Erlassen das weltweit erste Folterverbot installiert, zunächst 1740 noch mit den drei Ausnahmen Landesverrat, Massenmord und „Majestätsverbrechen“ – was darunter zu verste-hen war, hat Seine Majestät vorsichtshalber ge-heim gehalten, freilich auch nie zur Anwendung kommen lassen – dann 1754 total, ohne jede Aus-nahme.
Natürlich hatte Friedrich der Große sein Folter-verbot nicht so perfekt, detailliert, auch die un-wahrscheinlichste Eventualität noch beschreibend ausformuliert, wie das in unserem modernen, weitgehend verbeamteten Gesetzgebungsverfahren üblich ist. Der in preußischen Landen geborene Sohn osmanischer Eltern, der fern im Schatten des Hindukusch ergründet, wie man mit bengalischem Feuer die Welt verbessern kann (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind weder zufällig noch unbeabsichtigt) – ein solcher kam in Friedrichs Folterverbot so detailliert nicht vor.
Ob aber unsere heutigen Gesetze, bei deren For-mulierung Hundertschaften von Ministerialbeam-ten und Politikern um jeden Buchstaben und jedes Komma ringen, wirklich besser sind als die kurzen und klaren Verfügungen preußischer Monarchen, mag dahingestellt bleiben – als mahnendes Bei-spiel sei die Verordnung zur Festlegung des Krümmungsgrads der europäischen Einheitsbana-ne erwähnt, die bekanntlich wesentlich umfangrei-cher ist als die Zehn Gebote, die jahrtausendelang das Zusammenleben menschlicher Gemeinschaf-ten zu regeln vermochten. Und ganz aktuell: die offenkundige Unfähigkeit, so simple Dinge wie Kaufanreize für schwächelnde Industriezweige bürgernah, verständlich und praktizierbar zu for-mulieren, zeigt einmal mehr, woran es uns heute mangelt.
Werfen wir noch einen kurzen Blick auf die Medi-enlandschaft, die ja einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur öffentlichen Wahrnehmung der Krise – und damit auch zum Umgang mit ihr – zu leisten hat. Das heutzutage übliche öffentliche Verbreiten von Halb- und Unwahrheiten wird ja gern ver-harmlost, indem es als unvermeidbarer Ausfluss unserer Meinungs- und Pressefreiheit verklärt wird. In Preußen hingegen habe es strenge staatli-che Zensur gegeben. Doch auch diese Zustandsbe-schreibung des geistigen Klimas in Preußen liegt voll daneben. Die Zensur, die es zweifellos in Preußen gab und die in manchen Phasen strenger, in anderen wiederum recht locker gehandhabt wurde, hat keineswegs zu einer totalen Unterdrük-kung der Meinungs- und Pressefreiheit geführt. Im Gegenteil, sie hat einen klaren rechtlichen Rahmen gesetzt, der Raum für eine beachtliche Meinungs-vielfalt ließ, aber doch jedem unmissverständlich zeigte, wo die Grenzen gezogen waren.
Eine dieser Grenzen lässt sich mit dem Begriff „Ehrenschutz“ beschreiben. Ist es wirklich ein so toller Fortschritt, dass es in unserer heutigen Medienlandschaft einen solchen Ehrenschutz faktisch nicht mehr gibt? Wer nicht brav den vorgegeben Sprachregelungen der linken Meinungsmacher-Mafia folgt, kann heute doch in aller Öffentlichkeit beleidigt und entwürdigt werden – wer sich dagegen wehrt, muss in aller Regel erfahren, dass die als Meinungsfreiheit getarnte Beleidigungsfreiheit allem anderen übergeordnet sei. Die Presse geriert sich selbst gern als „Vierte Gewalt“, obwohl mir eine solche im Grundgesetz noch nicht begegnet ist. Manche Journalisten tun so, als seien sie Ankläger, Richter und Henker in einer Person – Hauptsache, sie bewegen sich auf dem rechten, sprich linken Pfad. In Preußen wäre so etwas – trotz oder vielleicht gerade wegen der staatlichen Zensur – undenkbar gewesen. Ja, damals gab es, eingebettet in die Idee Preußen, eine Zensur. Heute findet eine Zensur nicht statt, wie es so schön im Grundgesetz heißt. In Wahrheit aber ist die Zensur gar nicht abgeschafft, sie wurde nur umbenannt und heißt jetzt auf Neudeutsch „political correctnes“. Auch in diesem Punkt also war Preußen, war die Idee Preußen, um einiges ehrlicher und menschlicher. Und gerade in schwierigen Zeiten kann man sich nach solcher Ehrlichkeit, Klarheit und Rechtssicherheit nur zurücksehnen.
Ich sehe das Herausragende, sozusagen das Mar-kenzeichen der Idee Preußen in ihrer Ausgewogenheit, ihrer klugen Balance. Preußen in den guten Zeiten seiner Geschichte, in geradezu idealer Weise das Preußen Friedrichs des Großen, das war in der Terminologie der Klassik „Athen“ und „Sparta“, in den Worten des großen Immanuel Kant „Freiheit“ und „Verantwortung“. Da stehen den Rechten gleichwertig die Pflichten gegenüber – immer eines ohne das andere undenkbar.
Die Idee Preußen und ihre Bedeutung für uns Heu-tige: Dazu gehören auch die schon sprichwörtlichen preußischen Tugenden, also Begriffe wie Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Treue, Bescheidenheit, Sparsamkeit. Letztere ist nicht zu verwechseln mit Geiz. Im Gegenteil: Geiz, wie er heute so werbewirksam propagiert wird, ist nicht „geil“, sondern dumm. Geiz nimmt allem – den Waren, den Leistungen der Menschen und am Ende den Menschen selbst – ihren Wert. Sparsamkeit im preußischen Sinne hingegen respektiert den Wert, will sorgfältig damit umgehen, will ihn optimal zum Gemeinwohl nut-zen. Der zitierte Werbeslogan jedenfalls wäre im sparsamen Preußen unvorstellbar gewesen. Im heutigen Deutschland aber macht er alles nur noch schlimmer – vor lauter Geiz lassen wir hochwerti-ge eigene Produkte in den Regalen liegen oder auf der Halde stehen und retten statt dessen Arbeits-plätze auf dem Balkan und in Fernost.
Bescheidenheit, am Gemeinwohl orientiert – die-ses wichtige Element der Idee Preußen ist im ei-genen Lande leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Jenseits unserer Grenzen hingegen hat es längst Anerkennung gefunden, trotz der jahrzehn-telang praktizierten Diskriminierung Preußens und seiner Tugenden. In der Sprache des französischen Bildungsbürgertums steht die Redewendung „tra-vailler pour le roi de Prusse“ (für den König von Preußen arbeiten) für ehrenamtliches Engagement, dafür, etwas zu tun, ohne schon vorher die Hand aufzuhalten. Und als ich vor einigen Jahren einem meiner französischen Freunde voller Stolz meine Berufung zum Gründungs-Chefredakteur der Preußischen Allgemeinen Zeitung berichtete, ant-wortete er hintergründig mit der Redewendung „Être prusse est un honneur mais pas un plaisir“ (Preuße sein ist eine Ehre, aber kein Vergnügen). In der Tat habe ich meine Arbeit in preußischen Diensten eher selten als vergnügungssteuerpflich-tig empfunden, aber immer gern getan. Auch dies also können wir von Preußen lernen: Weg von der egoistischen, oberflächlichen Spaßgesellschaft, zurück zur am Gemeinwohl ebenso wie am christ-lichen Menschenbild geprägten „Freiheit in Ver-antwortung“ – daraus können wir das geistige Rüstzeug schöpfen, dass uns am ehesten noch einen Weg aus der Krise weist.
Hans-Jürgen Mahlitz, ©
Fulda,  4. April 2009


Siegmar Faust:

Offener Brief an einen Haftkameraden



Herrn
Werner Benduhn                             
13439    BERLIN                    
                                    

Sehr geehrter Herr Benduhn,

an Ihrem Lebenslauf, für den ich so herzlich wie ehrfurchtsvoll danke, wird einem eindringlich bewusst, wie die politische Kaste in diesem unserem Land die Opfer der Diktatur im Stich gelassen hat und sich mit den Tätern, d. h. den kommunistischen Verbrechern gemein machte. Zuvor wurde die Anerkennung der SED-Diktatur andauernd unter dem Gesichtspunkt der Friedenserhaltung gerechtfertigt. Der Freiheitsbegriff kam immer mehr unter die Räder des faulen Friedens, den uns die Kommunisten diktierten. Erst heute, durch den herablassenden Umgang mit den Opfern des Kommunismus, wird deutlich, wie sehr die Mehrheit der politischen Kräfte und ihrer Helfershelfer in den Medien, Schulen und Hochschulen marxistische Doktrinen verinnerlicht und sich den kommunistischen Tyrannen regelrecht angedient haben.

Bestes Beispiel ist der in meinem Vortrag in der Akademie der Adenauer-Stiftung (den übrigens VOS-„Kameraden“ zu verhindern suchten) erwähnte ehemalige Juso-Vorsitzende Karsten D. Voigt, der spätere langjährige außenpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, der seit 1999 als Koordinator für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit auftreten und überdimensional viel verdienen darf, obwohl solche Typen in einem funktionierenden Rechtsstaat als Hochverräter im Gefängnis sitzen müssten. Er bekannte sich noch im Oktober 1989 öffentlich dazu, Marxist zu sein, auch dazu, mit seinem Freund Egon Krenz einen gemeinsamen Familienurlaub in der Hohen Tatra verbracht zu haben. Dass er in den Stasi-Unterlagen auftaucht, natürlich nicht zu seinen Gunsten, ist nicht verwunderlich. Nach Egon Bahr war Voigt wohl häufigster SPD-Besucher im Haus des SED-Zentralkomitees. Im Juli 1987 - die DDR war nach einer späteren Auskunft Günter Mittags längst pleite - erfreute er die SED-Genossen mit Lobgesängen. Sie berichteten erfreut ihren Vorgesetzten: „Karsten D. Voigt äußerte sich wiederholt positiv zur Politik der SED. Ihr großer Vorzug bestehe in der programmatischen Klarheit, im Wissen um die Probleme, in der Stärke der politischen Organisation und in der Geschlossenheit.“ Es drängte ihm zudem, seinen Gastgebern die Eindrücke zu schildern, die er vom Leben im Arbeiter-und-Bauern-Staat gewonnen hatte: „Überall in der DDR spüre man, dass es vorwärts gehe und die SED dabei die treibende Kraft sei.“ Zwar könne die SPD die SED nicht kopieren und wolle dies auch nicht, „aber vieles, was die Kommunisten der DDR politisch und organisatorisch leisteten, hätte Hand und Fuß und sei wie das Schulungssystem beispielhaft auch für seine Partei“. Das gehirnwaschende Schulungssystem trägt durchaus Früchte. Sind es nicht besonders die einstigen Widerständler gegen das SED-Regime, die heute die Bundesrepublik zu einer „DDR light“ verkommen empfinden?

Spitzenpolitiker der SPD erklärten ihren Wahlhelfern im SED-Politbüro: „Im Auftrag von Willy Brandt möchte ich mitteilen: Wir wollen in aller Form erklären, dass bei einer Regierungsübernahme durch die SPD die Regierung der BRD voll die Staatsbürgerschaft der DDR respektieren wird und damit dieses Thema beerdigt wird.“ Der verstorbene Bausenator Harry Ristock, damals Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, bedankte sich artig bei Rettner, dem Leiter der ZK-Westabteilung: Noch nie habe ein Regierender Bürgermeister „so viel Gutes auf einmal erhalten... Die ganze Ostpolitik der SPD sei darauf gebaut, dass in den sozialistischen Ländern stabile Verhältnisse herrschten“, schrieb der Protokollant, während die Perestroika von Gorbatschow schon das realsozialistische Lager zusammenbrechen ließ. Ristock weiter laut SED-Akte: „Am stabilsten stünde die DDR da. Man müsse alles dafür tun, damit das so bleibe.“ Beide Seiten billigten sich dann auch in ihrem SPD-SED-Papier gegenseitig Existenzberechtigung, Reform- und Friedensfähigkeit zu. Die Diktatur wurde ohne Not auf gleiche Augenhöhe mit der Demokratie gehoben. Als Motiv des SED-Engagements erkannte Politbüro-Gangster Hermann Axen: „Die Friedensbewegungen würden einen neuen Impuls erhalten“, wenn SED-SPD-Abrüstungskonzepte vorgelegt würden. „Die SPD könnte diese Frage im Wahlkampf 1987 nutzen“, und die Kräfte im Westen, die mit Kommunisten zusammenarbeiten wollten, würden gestärkt. Lafontaine fügte zur Beruhigung seiner Partner hinzu: Auch die Kontakte führender SPD-Politiker zur evangelischen Kirche bedeuteten nicht, dass die SED nicht weiterhin den Vorzug genieße - jede andere Vorstellung sei „völlig absurd“.

Richtig schätzten die SED-Bonzen ein, dass sich die SPD-Führer gegenüber den SED-Kritikern und friedlichen Demonstranten einig darüber seien, „dass Sozialdemokraten bei ihrem Auftreten in der DDR alles vermeiden müssten, was eine Stärkung dieser Kräfte bedeute“. Und solche ideologisch verblendeten Wahrnehmungsverweigerer der Wirklichkeit regieren uns noch heute – und zwar in Richtung Abgrund. Keiner dieser Politiker hielt sich an die Präambel des Grundgesetzes, in der das Wiedervereinigungsgebot verankert war. Ungeniert erklärte Egon Bahr: „Als Sozialdemokrat, als Deutscher, als Europäer bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass es unsere Aufgabe ist, die Chancen in der Teilung zu suchen.“ Demzufolge bezeichnete auch Willy Brandt im September 1988 in einem Vortrag das Streben nach Wiedervereinigung Deutschlands als „mehr als eine Fiktion“ und bezeichnete die Hoffnung auf Wiedervereinigung als eine „Lebenslüge der Republik“.

Nachdem die Wiedervereinigung von der Masse der Demonstranten besonders in Leipzig unter der Losung „Wir sind ein Volk!“ erzwungen wurde, erdreisteten sich die Aktivisten der SPD-SED-Kollaboration, Lafontaine genauso wie Bundeskanzler Schröder, noch im November 1995 nach einem langen Gespräch mit Gregor Gysi, dass sie „von Anfang an eine zu starke Ab- und Ausgrenzung“ der nur zur PDS umbenannten Verbrecherpartei SED „für falsch gehalten“ haben. Dr. Thomas Meyer, Mitglied der SPD-Grundwertekommission, sagte 1988 in einer Podiumsdiskussion: „An der DDR kritisieren wir nicht etwa, dass sie sozialistisch ist, sondern dass sie nicht sozialistisch ist nach unseren Maßstäben.“ Und SPD-Chef Beck sprach erst kürzlich wieder von einem „demokratischen Sozialismus“, den sie anstrebten. Der alte aus Zwickau stammende Sozialdemokrat Horst Kunze, der lange Jahre den Häftlingskreis politischer Gefangener in der SPD leitete, schrieb mir im September 2006: „Dieser Staat BRD ist auch nicht mehr mein Staat der Freiheit, für dessen Ideale meine Freunde, Du und ich gekämpft und gelitten haben. Heute herrschen hier Intoleranz, Inhumanität, Brutalität, Gewalt und Rücksichtslosigkeit.“

Verstehen Sie, lieber Kamerad Benduhn, was ich damit sagen will? Wir sind als Opfer des kommunistischen Regimes verraten und verkauft worden. Und trotz Ihrer jüdischen Abstammung finden Sie wohl weder bei den Funktionären des Zentralrats der Juden noch bei anderen jüdischen Organisationen wohlwollende Unterstüt¬zung, denn dort scheint man hauptsächlich und hartherzig darauf bedacht zu sein, keine Konkurrenz-Opfer aufkommen zu lassen. Uns gegenüber verhalten sie sich also genau so ablehnend wie die linken Gutmenschen und die falschen Grünen, die außen grün und innen rot mit braunen Kernen sind. Stets führen sie das Wort „Solidarität“ in ihren großen Maultaschen, aber im Gegensatz zu Christen fordern sie diese nur für Ausländer und ihresgleichen, jedoch nicht für Fremdkörper wie uns.

So ist es allein schon eine Schande, dass Sie, lieber Herr Benduhn, nicht einmal Ihre Aufzeichnungen ohne eigenes Geld veröffentlichen können in diesem unserem Wohlstandsland. Andererseits wird dem Bürger das Geld von den Regierenden in unverantwortlicher Weise aus der Tasche gezogen, auch auf Kosten nachfolgender Generationen. Prof. Hans-Joachim Selenz (H.J.Selenz@gmx.de), der die sich ausbreitende Regierungskriminalität wie kaum ein anderer dokumentiert und geißelt, kommt zu einer äußerst deprimierenden Lageeinschätzung: „Die Geschichte unseres Landes ist schwer gezeichnet durch ein Unrechtssystem. Dies konnte entstehen und sich ausbreiten, weil die Bürger das systematische Abgleiten Deutschlands unter die Herrschaft eines Terror-Regimes nicht durch rechtzeitiges, entschlossenes Handeln verhinderten. Gerade die Geschichte unseres Landes zeigt, dass die Gesetze für alle Bürger gleichermaßen gelten müssen - ohne Ausnahme. Die Herausnahme einer ganzen Kaste aus der Strafverfolgung ist ein erster Schritt hin zu grober, partieller Ungesetzlichkeit.“ (E-Post vom 22. Nov. 2007 von Prof. Hans-Joachim Selenz an: Generalbundesanwältin, Betreff: Der Preussag/TUI-Babcock-Skandal VI)

Bei aller harten und verdammt nötigen Kritik an dem Zustand unseres Staates und seiner Gesellschaft, dürfen wir jedoch niemals, wie es leider einige Opfer des Kommunismus tun, selbst das schlechteste demokratische System mit der besten Diktatur tauschen wollen. Auch ist es kurzsichtig, die DDR mit der Bundesrepublik im Negativen gleichzusetzen. Manche wollen oder können nicht sehen, dass Rechtsextremisten genauso wie die Linksextremisten, eben weil sich die Extreme im¬mer berühren, demokratiefeindlich, antiamerikanisch und antisemitisch sind. Patrioten wie Stauffenberg oder Dietrich Bonhoeffer, aber auch der jüdische Philosoph Emmanuel Lévinas, die mir Vorbilder sind, werden von Extremisten beider Lager verachtet, natürlich zu Recht, denn es wäre schlimm, wenn solche Charaktergrößen von denen gar noch vereinnahmt würden. Der einst antitotalitäre Konsens in der westdeutschen Gesellschaft wurde durch die 68er wie vieles weitere Wertvolle zerstört, und seitdem herrscht in den Köpfen, besonders bei jüngeren SPD-Parlamentariern wie Stephan Braun oder Sebastian Edathy, die stalinistische Antifa-Ideologie vor, die sich zum Beispiel in dem längst von allen Parteien getragenen „Kampf gegen Rechts“ manifestiert und klipp und klar einen totalitären Anspruch repräsentiert, der jede pluralistische Demokratie einengt und damit gefährdet, ja damit sogar das linke Lager ad absurdum führt.

Die Demokratie muss weiterhin unser Ideal bleiben, komme, was wolle, aber wir sollten nie die Wirklichkeit in der Demokratie idealisieren, sondern ehrlich, offen und kritisch bleiben, weil die Wirklichkeit gegenüber einer ideal gewünschten oder erträumten Welt nie vollkommen sein kann. Demokratie gebärt immer Streit und Kompromisse, die kaum einen besonders von jungen, naiven oder infantilen Menschen herbeigesehnten utopischen Idealzustand verkörpern können, weil wir Menschen eben keine Götter sind, sondern unaufhebbare Mängelwesen, wie vor Arnold Gehlen schon Johann Gottfried Herder erkannte. Dieses bedingte Negativum sollte unbedingt begriffen werden, vor allem von unserem Nachwuchs, damit er nicht den Rattenfängern verfällt, die das Paradies auf Erden versprechen und dabei zwangsläufig die Hölle auf Erden errichten.

Wir sind nicht zynisch, im Gegenteil, aber wir haben Erfahrung; wir sind schon einmal solch einer Hölle entronnen und wähnen uns aber wieder in einer Vorhölle, weil wir zu spüren bekommen, wie uns diese Gesellschaft durch ihre Repräsentanten ungerecht behandelt, ungeniert wie lästige Bettler verachtet und verhöhnt, woran überhaupt kein Zweifel besteht, denn gleichzeitig hofiert man weiterhin die SED-Bankrotteure und überlässt ihnen weitgehend ihre Privilegien aus ehemals geraubtem Volksvermögen, während wir mit jämmerlichen Brosamen abgespeist werden, die uns in der Mehrzahl kaum oder äußerst mühsam über die Runden kommen lassen. Wie sollte es auch anders sein? Die oben nur mit wenigen Beispielen beschriebenen Politiker hätten ja durch die gegen ihren Willen und gegen ihre bösartige Hetze zustande gekommene Wiedervereinigung schleunigst wegen Kollaboration mit menschenverachtenden Tyrannen abtreten, alle Machtpositionen aufgeben müssen, wenn sie nur einen Funken Ehre im Leib gehabt hätten, aber nein, diese hochkarätigen Wendehälse krächzten dann nur hervor: „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“ Noch jämmerlichere Gestalten dieser ältesten demokratischen Partei holten sogar noch einmal den Einheitsparteitag zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten von 1946 nach. War der Erstere eine Tragödie, sollte man mit Marx hoffen können, dass der Letztere nur zu einer Farce geraten war, aber da sich Marx in ziemlich allen Prognosen geirrt hat, dürfte leider Schlimmeres zu befürchten sein.

Nach Lenins Frage in seinem theoretischen Hauptwerk „Was tun?“ könnte man eigentlich nur hilflos die Achseln zucken und die Hände in den Taschen vergraben.

Doch dürfen es uns unsere Niederlagen, Demütigungen, Haftzeiten mit überstandenen Folterungen und folgenden Belastungsstörungen und vielfältigen Benachteiligungen wert sein, nichts zu tun? Haben wir nicht auch die Pflicht, im Sinne jener zu handeln oder wenigstens zu sprechen, die nichts mehr sagen können, weil man sie umbrachte, verhungern, an der Mauer abknallen oder sonstwie krepieren ließ? Ja, sollten und müssten wir nicht sowohl einzeln vor Ort als auch im Verbund mit ebenfalls Betroffenen, so zum Beispiel unter dem Dachverband der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), unsere Erfahrungen, Erkenntnisse, Stimmen und Kräfte bündeln, um die Menschen im Land, die durch die Medien von allem und jedem übersättigt und abgelenkt werden, nun gar noch von den 68ern regiert, dabei wie nie zuvor von Zukunftsängsten geplagt, dennoch auf das Schicksal vieler von uns aufmerksam machen? Filme wie „Das Leben der Anderen“ oder „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ helfen beträchtlich, unsere lieben Mitmenschen für diese, also unsere Probleme zu sensibilisieren.

Jeder von uns sollte, sofern er noch die Kraft hat, in die Offensive gehen, um die Leute aufzuklären, als Zeitzeuge aufzutreten und die Politiker zu ermahnen, die ja einen Eid leisteten, auch uns zu dienen und zu helfen.  

Ich sehe, lieber Herr Benduhn, Sie schweigen nicht resigniert, Sie haben immerhin gegenüber den vielen bequemen Wohlstandsbürgern und Egoisten vier Kinder gezeugt und erzogen, haben der hartherzigen und zum größten Teil überflüssigen Bürokratie einige wenige Leistungen abgetrotzt, doch weiterhin werden Ihnen - wie den meisten von uns - aufrichtige Anerkennung und elementare Hilfe- und Wiedergutmachungsleistungen verweigert.

Bei aller uns zu Gebote stehenden Demut und dem dazu gehörigen Gottvertrauen rufen wir zwar nicht anmaßend zum letzten Gefecht auf, rufen auch nicht größenwahnsinnig die Internationale an, doch sollten wir durchaus einmal provozierend unseren Gegnern und Feinden die von ihnen missbrauchten Lieder in ihre verlorenen Gesichter dröhnen:
„Es rettet uns kein hö´hres Wesen, kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!“
 
In diesem Sinn, sehr geehrter und lieber Kamerad Werner Benduhn, möchte ich Ihnen antworten und Sie zugleich darum bitten, Ihren Lebenslauf samt der Karte mit verbreiten zu dürfen.

Mit besten Grüßen aus dem Frankenland,
Ihr


Siegmar Faust